Afrika
Zeichnungen vom Straßenleben
Die Bilder zu der folgenden Geschichte wurden von Linda gemalt, einem siebzehnjährigen Jungen. Er lebte bereits als kleines Kind auf der Straße. Aus einem Heim für Straßenkinder östlich von Johannesburg ist er geflohen. Dort war ihm das Leben zu eintönig. Seither sind zwei Jahre vergangen, in denen er wieder auf der Straße lebt und arbeitet.
Vor einigen Wochen fand er - mit anderen Straßenkindern zusammen - in der Wohnung eines Fremden Unterschlupf. Für ihn müssen sie nun Tag für Tag arbeiten gehen. Sie verkaufen Süßigkeiten, Zigaretten und Obst.
Linda hat die Schule abgebrochen. Er ist ein begabter Zeichner und Maler. Wann immer er auf der Straße arbeitet, hat er einen Zeichenblock dabei. Einige Kunden gaben Portraits und andere Bilder bei ihm in Auftrag. Sie haben Linda dafür bezahlt.
Die Geschichte des "Jungen vom Land" gibt nicht Lindas Lebenslauf wieder. Doch sie trifft das Schicksal vieler Straßenkinder sehr genau.
Der Junge vom Land. Tod eines Straßenkindes
(gemalt von Linda)
Zuhause bei Lindiwe gab es nicht viel, ein paar Kühe und Ziegen, kleine Gemüsebete und Steinhütten mit Wellblechdächern, nichts, was einem jungen Mann Spaß machte und Unterhaltung bot. Manchmal gab es nicht einmal genug zu essen.
Lindiwe hatte es satt, immer nur das Grün der Hügel zu sehen, jeden Tag aufzustehen, die Kühe und Ziegen auf die Weide zu treiben und nachmittags vor Sonnenuntergang wieder auf den Hof zu holen. Er hatte es satt, dass ein Tag wie der andere aussah, dass er, ein junger Mann in den besten Jahren, nichts anderes erlebte als die Geburt neuer Kälber. Sein Leben langweilte ihn.
es schöne Frauen, Autos, und immer war etwas los. Niemals wieder müsse er diese Langweile wie auf den Weiden in Venda ertragen. So bestieg er den Metro-Zug, der ihn direkt nach Johannesburg brachte.
Die ersten Stunden in Johannesburg vergingen wie im Flug. Lindiwe lief durch die vollen Straßen und konnte sich nicht satt sehen. All die Farben, die Straßenverkäufer mit ihren Ständen voller Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Backwaren, Gürteln und Zigaretten – so etwas hatte er in Venda nicht gesehen.„Hey, Bruder, du bist zum ersten Mal hier, stimmt‘s?"
Lindiwe wurde verlegen
„Ja, aber woher weißt du das?"
Der Junge lachte noch lauter.
"Hey, du bist hier in Jozi, da spricht man Zulu oder English, nicht deine Landesprache. So kannst du mit deinen Kühen reden, aber nicht mit uns in der Stadt!"
„Hey, Junge vom Land, ich bin Ayanda. Du kannst heute Nacht bei mir schlafen, wenn du willst." Zögernd folgte ihm Lindiwe durch die dunklen Gassen.Ayanda führte ihn durch Gassen, Seitenstraßen und Treppen, bis sie zu einer Mauer kamen. Sie mussten darüber klettern und den Wagen mit dem Papier hinüber heben.
Hinter der Mauer konnte Lindiwe im Dunklen einige Deckenhaufen auf Pappkartons erkennen. Ayanda steuerte auf einen dieser Haufen zu und flüsterte:
„Eh, Thulane, hab ‘nen Neuen mitgebracht, ein Junge vom Land. Rutsch mal zur Seite". So wurde Lindiwe bei den Straßenkindern aufgenommen. Die Nacht war kalt, und Lindiwe fror entsetzlich. Er klapperte laut mit den Zähnen. Ayanda stupste ihn unter der Decke an und sagte:
„Hier, nimm einen Zug. Halt dir die Tüte an den Mund und zieh den Dampf ein. Gleich wird dir wärmer werden."
So verbrachte Lindiwe die erste Nacht in der großen Stadt.
Die nächsten Tage blieb Lindiwe bei Ayanda, Thulane und den anderen Jungen, die hinter der Mauer schliefen. Manchmal suchte er mit Ayanda nach altem Papier, half beim Autoeinparken oder bettelte. Doch die meiste Zeit streiften sie durch die Straßen, aßen Süßigkeiten oder saßen im Joubert Park am Brunnen. Nach der ersten Nacht schwor sich Lindiwe, Kleber nie wieder anzurühren. Zu schmerzhaft war der Husten danach. Doch bald gewöhnte er sich daran und lernte, wann und wie er schnüffeln musste, um Hunger, Kälte und die Angst vor der Straße zu überwinden. Thulane schnüffelte keinen Kleber mehr. Er sagte, das sei etwas für Einsteiger. Er rauchte viel lieber Dagga, Marihuana. Das sei cooler, auch wenn es mehr Geld koste.
Die Leute hatten recht behalten. Langweilig war es in Johannesburg nicht. Doch einen gut bezahlten Job fand Lindiwe nicht.
überall hin mitnahm. Er hatte Angst, sie zu verlieren. So nannten ihn bald alle den „Jungen vom Land".Lindiwe lebte sich gut ein und zog mit der Gruppe durch die Straßen. Eines Tages - sie saßen im Joubert-Park und rauchten ihre Drogen - kam ein älterer Junge auf sie zu und rempelte Lindiwe an. Er fing an zu brüllen, und Lindiwe sah, dass er sehr betrunken war.
„Entschuldigung", brachte Lindiwe erschrocken hervor. Da zückte der Mann ein Messer. Vor Schreck ließ Lindiwe seine Klebertüte fallen und ergriff einen Stein, der neben ihm in Gras lag. Ayanda kam angerannt und rief dem Betrunkenen zu, er solle Lindiwe in Ruhe lassen. Thulane hatte seinen Joint fallen lassen und verkroch sich hinter einer Mauer. Lindiwe hatte schreckliche Angst.
seinem Versteck hervor und rannte hinter ihm her. Lindiwe wurde es schwarz vor Augen, und er fühlte sich todmüde. „Nicht sterben, Lindiwe, bitte nicht sterben", murmelte Ayanda mit tränenerstickter Stimme.
„Ich komme nach Hause", flüsterte er.